Neulich habe ich auf meinem Küchenradio die letzten Sätze einer Sendung mitbekommen, die sich mit der Frage beschäftigte, was die größten Unterschiede sind zwischen den Stars von gestern und den Celebrities von heute. Wer zu diesem Thema befragt wurde, ist mir entfallen - doch das Fazit der Sendung ist mir im Gedächtnis geblieben: "Was die Welt von heute braucht, das sind nicht mehr VIPs, sondern mehr Helden."
Persönlichkeiten mit Ecken, Kanten und Überzeugungen
Dem Wunsch nach echten Charakteren, nach Persönlichkeiten mit Ecken, Kanten und Überzeugungen begegnet man nicht selten in letzter Zeit. Auch das gerade im Gestalten Verlag erschienene Buch "Original Man" widmet sich nicht - wie der Titel zunächst vermuten lässt - der Herkunft des Homo Sapiens, sondern jenen Männern, die uns durch ihren Leistungen, ihre Arbeit und ihren Stil als "außergewöhnliche Gentlemen" in Erinnerung geblieben sind. Herausgeber Patrick Grant, der bereits den Herrenschneider Norton & Sons an der Londoner Savile Row wiederbelebt hat, präsentiert uns die Geschichten von 81 prägenden Figuren des 20. Jahrhunderts - viele von ihnen bekannt, einige jedoch durchaus für eine Überraschung gut.
Fehlerhafte Helden
Doch was zeichnet solch einen "außergewöhnlichen Gentleman" denn nun aus? In seinem Vorwort schreibt der Stilberater und Journalist Nick Sullivan, dass dies eben nicht die makellosen Erfolgstypen sind, sondern eher klassische Heldengestalten mit brillianten Zügen, aber auch menschlichen Schwächen. Zuviel Perfektion ist und bleibt eben ein Charisma-Killer.
Eine bunte Mischung
James Hunt und Jean-Luc Godars, David Bowie und Jimi Hendrix, Giovanni Agnelli und Gunter Sachs, Yves Saint Laurent und T.E. Lawrence - so unterschiedlich die Biografien dieser "Helden des 20. Jahrunderts" sich lesen, so gemein ist ihnen, dass sie immer ihren eigenen Weg gegangen sind, statt sich nach Konventionen und Vorbildern zu richten. Es ist eine bunte Mischung, die Grant hier zusammen gestellt hat - wo sonst folgt auf Ayrton Senna ein Ernest Shackleton, auf Little Richard ein Helmut Schmidt. Doch neben den großen Stil- und Charakterikonen finden sich auch kaum bekannte Namen wie der des chinesischen Architekten I.M. Pei oder des indischen Designers Waris Ahluwalia, in deren Geschichte man umso gespannter eintaucht.
Verstecken Sie Ihre Frauen (und Töchter)
Alex Higgins, John Cooper-Clarke und Alan Clarke dürften britischen Gentleman zwar bekannt sein, jenseits des Ärmelkanals hat man derweil kaum von ihren Talenten gehört: Während Higgins sich als Snooker-Spieler einen Namen machte und Cooper-Clarke als Performance-Poet in der Punk-Ära der 1970er Jahre für Aufregung sorgte, wurde Clarke vor allem dafür berühmt, dass er sowohl die Frau, als auch die Tochter eines Richters am High Court of Justice verführte und mit seinen gut eingefahrenen Automobilen mit höchst bedenklichem Tempo durch London raste.
Künstler, Helden, Freigeister und Stil-Ikonen
So unterschiedlich die dargestellten Herren auch sein mögen - Patrick Grant ist es gelungen, sie in vier einfache Kategorien einzuteilen: Künstler wie Andy Warhol, Le Corbusier und Miles Davis; Helden wie Adrian Carton de Wiart, Spike Milligan, James Hunt und Rudolf Nureyev; Libertines wie James Brown, Alan Clarke, Keith Floyd und Porfirio Rubirosa und Stilisten wie oel Fielding, Little Richard, Quentin Crisp und Boy George.
Helden für Menschen mit Grips
Mit "Original Man" hat Patrick Grant ein Standardwerk geschaffen, dass in keiner "Gentleman's Library" fehlen sollte. Als Anleitung, wie man selbst ein ungewöhnlicheres Leben führen kann, taugt es allerdings nicht - denn keiner der 81 Porträtierten hätte je eine Anleitung gebraucht.
Fotos aus dem Buch ‘Original Man’ © Gestalten 2014