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Der diesjährige Concorso d'Eleganza Villa d' Este war laut, nass und ein großes Spektakel

Gerade als wir dachten, er könnte uns nicht mehr überraschen, hat uns der Concorso d'Eleganza Villa d' Este eines Besseren belehrt – mit einem Speed-Metal-Konzert aus heulenden Rennmotoren, unbekannten Traumkreaturen , Wasserflugzeugen im Tiefflug und einer Armada von Maharaja-Autos im Regen.

Kommen Sie Ende Mai nach Italien, sagten sie. Es wird schön sein, sagten sie. Doch während die Wettergötter uns während der Prelude Tour noch vor strömendem Regen schützten, hatten sie keine Gnade, als sich die Autos am Samstag endlich zum Concorso d'Eleganza Villa d'Este aufstellten: Bis aufs Metall durchnässt, ihre kostbaren, offenen Innenräume nur durch die charakteristischen Sonnenschirme des Grand Hotels geschützt, trotzten die Autos und ihre Besitzer dem strömenden Regen, während ein sehr nasser Simon Kidston dem waghalsigen Geist seiner Motorsport-Vorfahren wahrlich alle Ehre machte und die Autos mit der Ausdauer eines venezianischen Gondoliere durch die Parade lobte und winkte.

Trotz des Wetters war die Terrasse voll. Und die für den Concorso so typische, Aperol schlürfendes Hautevolée , genoss das Spektakel umhüllt von Schwaden aus Abgasen und Zigarrenrauch, während die Show ihren Höhepunkt erlebte: Wie in einem Tim und Struppi-Comic donnerte das gewaltige Grumman HU-16 Albatross Wasserflugzeug von Philip Sarofim, das der Sammler und Eigentümer von Meyers Manx den ganzen Weg von LA nach Como geschickt hatte, in leicht beängstigendem Tiefflug über das Grand Hotel.

Die Teilnehmer des Concorso d'Eleganza Villa d'Este haben auf jeden Fall eine spektakuläre Show abgeliefert – noch beeindruckender als das bloße Spektakel war jedoch die Auswahl der Automobile, die viele der vorherigen Ausgaben in den Schatten stellten. Die erste Fahrzeugklasse, die herausragte, trug den Titel „Der schillernde Fahrspaß der mächtigen Maharadschas“. Und der Name war Programm: Es gab vier riesige Rolls-Royce – einen von Windovers als Karosserie gebauten Silver Ghost Open Tourer und ein rotes Silver Wraith Drophead Coupé, die beide extra aus Indien nach Villa d'Este verschifft wurden, sowie einen ebenso beeindruckenden Allweather Tourer und einen blau-silbernen Sports Phantom Prototype Experimental mit Bootsheck, der wunderbar zu den Rivas auf dem See passte. 

Das beeindruckendste Auto, das einst von indischen Königshäusern in Auftrag gegeben wurde, war jedoch der Duesenberg SJ Speedster, den Gurney Nutting 1935 für einen 28-jährigen Maharadscha entworfen hatte. Mit seiner leuchtend orangefarbenen Innenausstattung und dem Korblenkrad überzeugte der Boattail Speedster die Jury und gewann den Trofeo BMW Group, besser bekannt als „Best of Show“.

Ein weiterer starker Anwärter auf die wichtigste Trophäe war das Delahaye 145 Coupé von 1938 aus der Weltklasse-Sammlung von Peter und Merle Mullin. Das Auto begann sein Leben als Rennwagen, doch die Geschichte kam dazwischen und nach dem Krieg nutzte der Karosseriebauer Henry Chapron das Chassis, um ein atemberaubend elegantes V12-Coupé zu erschaffen. Das dunkelrot-blaue Coupé gehörte einst dem Industriellen Fritz Schlumpf aus dem Elsass, bevor es 2003 seinen Weg in die USA fand.

Während die Maharaja-Autos mit grenzenlosem Übermut beeindruckten, stahlen die daneben geparkten Rennmaschinen mit ihren aerodynamischen Silhouetten und dröhnenden Motoren die Show. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der 24 Stunden von Le Mans hatte das Auswahlkomitee eine fantastische Auswahl an Langstreckenlegenden zur Villa d'Este gelockt. Das Aufgebot reichte von einem Peugeot 302 Darl'Mat Sport von 1937 über einen Aston Martin DB2 bis hin zu einem Mercedes-Benz Flügeltürer aus der Werks-Rennabteilung, der 1952 in Le Mans gewann. Direkt daneben stand der Gesamtsieger des Rennens von 1960, ein Ferrari 250 Testa Rossa, zum Sieg gefahren von Paul Frère und Olivier Gendebien. 

Der silbermetallische Ferrari 250 GTO mit seiner ikonischen Trikolore Lackierung belegte beim Rennen 1962 „nur“ den 4. Platz , aber das mythische Auto – das als der beste GTO von allen gilt und David MacNeil gehört – konnte zumindest einen späten Triumph über den Testa Rossa erringen – als das zweitteuerste Auto der Welt. Hat hier jemand 70 Millionen Dollar geflüstert?

Aber das war noch nicht das Ende des Le-Mans-Wahnsinns in der Villa d'Este: Der von Gulf gesponserte Ford GT40 ist der einzige Rennwagen auf dem Planeten, der jemals zwei Gesamtsiege bei den 24 Stunden von Le Mans einfuhr – und damit die Konkurrenz in Folge 1968 und 1969 hinter sich ließ. Der Martini Racing Porsche 936/77 wurde derweil 1977 von Jacky Ickx, Hurley Haywood und Jürgen Barth zum Sieg gefahren. Es war ein erstaunlicher Anblick, die Autos in Aktion zu sehen, obwohl die Terrasse der Villa d'Este nicht die Hunaudière-Gerade ist und spontane Straßenrennen entlang des Sees von der Jury nicht empfohlen wurden. Dennoch konnten sich die Autos in einem Wettbewerb um die wildesten Motorgeräusche messen. Und während der ultraflache Ferrari 512 BB LM von 1981 über den ganzen Comer See durchaus Aufsehen erregte, war es am Ende der fantastische Martini & Rossi Porsche 917 K, der die Trophäe „Il Canto del Motore“ für seine von Hans Mezger komponierte Turbo-Symphonie gewann.

Der Kurzheck- Rennwagen, den Graf d'Ansembourg aus Belgien nach Como gebracht hatte, war Teil einer Sonderklasse zur Feier des 75- jährigen Jubiläums von Porsche. Und während Autos aus Zuffenhausen beim Concorso d'Eleganza normalerweise ein seltener Anblick sind, dominierten sie die diesjährige Show eindeutig. Das Classic Driver-Team verlor zunächst sein Herz an den äußerst originalen, lindgrünen Porsche 911 Carrera RS 2.7 aus der Auriga Collection, bevor es dem Porsche 901 Prototyp von 1963 verfiel, den das Entwicklungsteam einst „Quick Blau “ getauft hatte. Alois Ruf hatte das Auto 1968 zu seinem 18. Geburtstag geschenkt bekommen und seitdem bewahrt. Der Prototyp gewann zu Recht seine Klasse. Neben dem bereits erwähnten Wasserflugzeug hatte der US-Sammler Philip Sarofim auch einen fantastischen, von Interscope gesponserten Porsche 935 zur Show mitgebracht – ein Auto, das in der IMSA-Serie sehr erfolgreich an Rennen teilnahm. Unterdessen gewann der polarsilberne 1998 Porsche 911 GT1 mit Leichtigkeit die in unserer Phantasie vergebene Krone für den beeindruckendsten zeitgenössischen Klassiker der Show.

Die Sonderklassen mit ihren spektakulären Autos machten es einem nicht leicht, sich auf die maßgeschneiderten, oft skurrilen, aber äußerst eleganten Automobile zu konzentrieren, die die italienische Kreativität und Grandezza repräsentieren, für welche die Villa d'Este so berühmt ist. Während der Einfluss des Hauses Ghia auf das Autodesign der 1950er-Jahre durch zwei geschwungene amerikanische Cruiser, einen Cadillac Series 62 und einen Chrysler GS-1 Special, verkörpert wurde, empfanden wir den Lancia Florida Pinin Farina aus der Lopresto-Kollektion als das eleganteste Coupé der 1950er-Jahre.

Eines der ungewöhnlichsten Autos des Concours war der hellblaue Alfa Romeo 6C 2500 SS Berlinetta Riva „La Serenissima“ von 1950, entworfen von Graf Giovanni Lurani Cernuschi, einem extravaganten Rennfahrer und Journalisten. Ein weiterer unbesungener Held des italienischen Autodesigns war der ATS 2500 GTS Berlinetta Allemano, ein Sportwagen, der von Carlo Chiti und Giotto Bizzarrini nach der Trennung von Enzo Ferrari entworfen wurde. Er stammt aus der Feder von Franco Scaglione, nur 12 Exemplare der Mittelmotor-Berlinetta wurden gebaut.

Die italienische Autokultur des 20. Jahrhunderts wird auf der ganzen Welt gefeiert. Und so war es keine Überraschung, dass viele der berühmtesten Sportwagen «Made in Italy» weite Distanzen zurückgelegt hatten, bevor sie ihr Heimatgebiet erreichten: Eizo Tomitas lindgrüner und goldener Lamborghini Miura P400SV kam den ganzen Weg aus Japan, während sein Landsmann Hidetomo Kimura sein blassgoldenes Maserati 3500 GT Coupé mit Touring-Karosserie mitgebracht hatte. 

Unterdessen gesellte sich Jonathan Segal aus San Diego in seinem bemerkenswerten Maserati A6G/54 Berlinetta Zagato zum Feld. Trotzdem: Die Coppa Die d'Oro-Trophäe, die in einem öffentlichen Referendum vergeben wird, wurde schlussendlich an den Ferrari 250 GT Spyder California verliehen, der einst der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan gehörte und aus Hongkong zum Concorso d'Eleganza verschifft wurde. Sagan sagte einmal: „Whisky, Glücksspiel und Ferraris sind besser als Hausarbeit.“ Wir können nur zustimmen!

Es gibt viele Superlative, mit denen man den diesjährigen Concorso d'Eleganza Villa d' Este beschreiben kann: Am abwechslungsreichsten, aufregendsten, lautesten, regnerischsten und überfülltesten. Doch während wir mit Kamera und Regenschirm in der Hand von einem Spektakel zum nächsten eilten, um auch den unvergesslichsten Moment einzufangen, gab es ein eher unscheinbar aussehendes Auto, zu dem wir immer wieder zurückkehrten, um einen weiteren Blick darauf zu werfen. Es war der aubergine-metallicfarbene Citroën SM Espace Heuliez aus dem Besitz des Belgiers Thierry Dehaeck: Das offene Coupé mit versenkbarem Targa-Dach aus Edelstahl und der auffälligen Innenausstattung aus grünem Leder hatte uns bereits bei der Preview-Tour in seinen Bann gezogen. Letztendlich sind es diese unerwarteten Begegnungen mit Autos, die man noch nie zuvor gesehen hat, die uns jedes Jahr zurück zum Concorso d'Eleganza Villa d' Este locken. Also bitte – bleiben Sie elegant, bleiben Sie skurril!

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver